ATW: Diese deutsche Firma wird das neueste Mitglied des Tesla-Reiches

D.Ob Elon Musk ein Fan deutscher Technologie ist, ist nicht nur seit der Entscheidung vor einem Jahr bekannt, das erste europäische Werk seines Elektroautoherstellers Tesla in Grünheide, Brandenburg, zu bauen. Drei Jahre zuvor, im November 2016, hatte Musk bereits seinen Einkaufsbummel im deutschen Maschinenbau begonnen.

Zu dieser Zeit kaufte Tesla den Anlagenhersteller Grohmann Engineering in der Eifel. Seitdem firmiert die Tochtergesellschaft unter dem Namen Tesla Grohmann Automation. “In Deutschland gibt es eine Menge Talente in der Automatisierung”, sagte Musk zu der Zeit. “Tesla wird teilweise ein deutsches Unternehmen.”

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Tatsächlich wird Tesla gerade wieder ein bisschen deutsch, weil Musk in den letzten Tagen den Kauf eines anderen Maschinenherstellers arrangiert hat. Assembly & Test Europe (ATW) ist der Name eines kleinen Unternehmens mit rund 210 Mitarbeitern aus Neuwied in Rheinland-Pfalz, das demnächst dem amerikanischen Automobilhersteller gehören wird. Weder ATW noch Tesla bestätigen die Vereinbarung, aber beim Bundeskartellamt wurde bereits ein sogenannter Kontrollübernahme registriert. Daher sollte die deutsche Behörde prüfen, ob Tesla zumindest die Mehrheit der Anteile an ATW übernehmen kann.

Vor einigen Tagen bestätigte die kanadische ATS-Gruppe, zu der ATW gehört, dass eine Einigung über die Bedingung “Verkauf bestimmter Unternehmensteile und Übertragung von Mitarbeitern einer deutschen Tochtergesellschaft an Dritte” erzielt wurde.

Das ist die Rettung von ATW, denn im September gab die kanadische Muttergesellschaft bekannt, dass die deutsche Niederlassung vollständig geschlossen wird. Die Arbeitsplätze der Beschäftigten galten als massiv bedroht. Zu dieser Zeit war es ein überraschender Schritt, dass ATS der Außenwelt die Folgen der Koronapandemie erklärte, aber tatsächlich hatte die deutsche Tochtergesellschaft bereits vor Beginn der Viruskrise Probleme und Verluste. Man hätte jedoch hoffen können, dass es sich nur um eine vorübergehende Phase mit roten Zahlen handelt. Denn ATW befindet sich wie große Teile der Automobilindustrie in einem Umbruch, in dem das Unternehmen bereits weit voraus war.

ATW stellt nach eigenen Angaben Produktionssysteme her, insbesondere für die Automobilindustrie. Während es früher Produktionslinien für Teile wie Getriebe waren, hat sich das Unternehmen in den letzten Jahren auf die Automatisierung der Produktion von sogenannten Batteriepacks konzentriert. Die von asiatischen Herstellern gekauften Batteriezellen werden in größeren Paketen kombiniert. Im Gegensatz zur Zellproduktion tun dies viele Autohersteller selbst. Zu den ATW-Kunden gehörten laut Beitrag auf dem Neuwied Economic Forum Schwergewichte wie BMW, Daimler und Volkswagen, aber auch Lieferanten wie Brose, Magna und ZF.

Im Jahr 2019 rutschte das Unternehmen überraschenderweise in die roten Zahlen

Tatsächlich sollte es für den Systemhersteller ein florierendes Geschäft sein, da die Autohersteller immer mehr Teile ihrer Produktion in Elektromobilität umwandeln. Laut dem kürzlich veröffentlichten Geschäftsbericht 2019 von WELT verzeichnete ATW einen deutlichen Anstieg der Auftragseingänge.

“Die neuen Technologien für die Elektromobilität bei Kunden in der traditionellen Automobilindustrie haben zu einem spürbaren Anstieg der Nachfrage geführt”, heißt es in dem Bericht. Der Auftragsbestand stieg gegenüber dem Vorjahr um 30,9 Prozent auf 111,5 Millionen Euro. “Diese Zunahme der eingehenden Bestellungen basiert auf mehr Bestellungen für Batteriesammel- und Testsysteme”, heißt es im Jahresbericht.

Der Umsatz im Geschäftsjahr zum 31. März 2019 stieg ebenfalls um mehr als 23 Prozent auf 33,9 Millionen Euro. Das ursprünglich festgelegte Umsatzziel von 40 Millionen Euro wurde jedoch verfehlt. Auch bei ATW verlief der Übergang zur neuen Technologie alles andere als reibungslos. Infolgedessen hat das Unternehmen im Geschäftsjahr 2019 rote Zahlen geschrieben und einen Verlust von fast 3,4 Millionen Euro verbucht, den die Muttergesellschaft kompensieren musste.

ATW hatte im Vorjahr einen Gewinn von über 900.000 Euro ausgewiesen. Zu Beginn des Geschäftsjahres wurde davon ausgegangen, dass ein weiterer Überschuss von 3,5 Millionen Euro erzielt wurde. Das negative Ergebnis ist laut Geschäftsbericht auf “unerwartete Mehrkosten für Bestellungen mit neuen Technologien” zurückzuführen.

Die Aussichten für die kommenden Jahre klangen jedoch optimistisch: “Das prozessorientierte und kostenbewusste Handeln hat im vergangenen Geschäftsjahr die Grundlage für eine kostenoptimierte Zukunft geschaffen”, heißt es in dem Bericht. “Die Ausrichtung der weltweiten Vertriebsaktivitäten sowie Produktinnovationen lassen uns auch in dem derzeit unsicheren Umfeld weitere positive Impulse erwarten.”

Im Geschäftsjahr, das im März endete, halbierte sich der Umsatz auf nur 14,4 Millionen Euro, sollte aber in diesem Jahr auf einen Rekordwert von 74 Millionen Euro steigen. “Es wird jedoch davon ausgegangen, dass aufgrund der Abwicklung von Projekten innerhalb des neuen Produktbereichs Batteriesammlung niedrigere Margen erzielt werden und somit die Umsatzrendite weiterhin unter den historisch erreichten Werten liegt”, heißt es im Geschäftsbericht.

Dennoch gibt es Pläne, in Zukunft wieder Gewinne zu erzielen, und es gibt keine “existenzbedrohenden” Risiken. Die Entscheidung der Muttergesellschaft, den deutschen Standort zu schließen, war eine völlige Überraschung.

Musk und Tesla hingegen scheinen die Chancen der Akquisition zu erkennen. Die Tochtergesellschaft Tesla Grohmann Automation wird in der Kartellregistrierung ausdrücklich erwähnt, so dass es durchaus sein kann, dass die beiden deutschen Akquisitionen in Zukunft zusammenarbeiten oder sogar vollständig zusammengeführt werden. Zwischen dem Standort Grohmann in Prüm und Neuwied liegen nur etwa 100 Kilometer – eine Entfernung, die vor allem für amerikanische Verhältnisse kaum erwähnenswert ist.

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Es ist auch noch unklar, wie die Bestellungen anderer Automobilhersteller ablaufen werden. Als Musk Grohmann kaufte, stornierte er alle bestehenden Bestellungen von Wettbewerbern. Die deutschen Ingenieure sollten künftig nur noch für Tesla arbeiten. Ähnliches könnte nun für die Kunden von ATW auf Lager sein.

Quelle: WELT-Infografik

“Derzeit besteht noch ein ausreichend großer Auftragsbestand, dessen Bearbeitung sich aufgrund der Schließung in Deutschland um einige Wochen und in anderen europäischen Ländern um einige Monate verzögert hat”, heißt es im Jahresbericht. Trotz der durch die Pandemie verursachten Probleme gibt es keine Kurzzeitarbeit angefordert.

Aber selbst wenn Bestellungen jetzt storniert werden, sollte ATW unter dem neuen Eigentümer nicht die Arbeit ausgehen. Angesichts der raschen Fortschritte beim Bau der Gigafactory in Brandenburg und anderer geplanter Tesla-Anlagen, beispielsweise im US-Bundesstaat Texas, besteht ein absoluter Bedarf an zusätzlichen Produktionsanlagen.

Das derzeitige ATW-Management wollte keine Fragen zum Kauf von Tesla beantworten, und niemand war verfügbar, um den US-Autohersteller selbst zu kommentieren. Zumindest im Hinblick auf die Geheimhaltung hat sich Neuwied bereits an den zukünftigen Eigentümer angepasst.

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